Biskaya - never trust a weatherman

55 Stunden Brest - La Coruna --> VIDEOS

Ich denke, ich kann für die ganze Crew sprechen, dass wir alle einen ziemlichen Respekt vor der bevorstehenden Überfahrt der Biscaya hatten. Nachdem wir die Wetterlage gecheckt haben, viel am Samstagnachmittag relativ kurz entschlossen die Entscheidugng, dass wir nach einem kurzen Aufenthalt am Freitag in `Camarais sur mer` und am Sonntag in `Brest`gleich montagfrüh die Überfahrt über die berüchtigte Biscaya wagen wollten.  Knapp 100 Meilen vor der Küste der Riesenbucht zwischen Frankreich und Spanien, steigt der Meeresgrund abrupt von einigen 1000 Metern Tiefe auf wenige 100 Meter an. Das führt dazu, dass die Wassermassen sich an dieser Steilwand stauen und an der Wasseroberfläche als wilde Wellen entweichen. Es ist also nicht ratsam die Bucht an der Küste zu passieren, da es dort bei etwas mehr Wind zu ziemlich stürmischen Seegang kommen kann. Hinzukommt, dass die Biskaya sich mit ihren turbulenten Herbststürmen einen Namen gemacht hat. Nunja und der Herbst steht ja nunmal vor der Tür ... 

Der Wetterbericht sagte voraus, dass der Wind am Montag zunächst aus Süden und dann auf Nordwest drehen würde. Das bedeutete für uns an sich günstige Winde, da wir mit dem Südwind am Montag erst einmal einen Halbwindkurs Richtung Westen segeln wollten und dann mit dem Nordwestwind direkt Kurs auf `La Coruna` nehmen    könnten. Etwas Bauchschmerzen bereitete mir aber, dass sich am Dienstag laut Wettervorhersage ein Tiefdruckgebiet zusammenbrauen sollte, dass uns mit bis zu 30 Beauforts Wind ordentlich voranpusten sollte. Einige Wettervorhersagen bezeichneten das Tiefdruckgebiet in seinen Spitzen als cyclonartig. Allerdings sollten diese Wetterphänomäne in der Nähr der Küste auftreten. Wir wollten ja einen Bogen um die Küste machen und weiter aufs Meer hinaus fahren um nach 'La Coruna' zu kommen, würden also nur die Anfänge von dem auffrischenden Wind mitbekommen. So zumindest der Plan. Dennoch war mir etwas bang bei dem Anblick der roten bis violetten Farben auf unserer Wetterkarte für Dienstag.

Was soll´s. Nachdem Maxime Sonntagabend wieder an Bord gekommen ist, um und für den Trip zu begleiten, ging es dann mit zwei Stunden Verspätung Montagmorgen bei leicht bedecktem Himmel aber mit durchschmunzelnder Sonne los. Die Atlantikwellen haben eine komplett andere Struktur, als das was wir bisher von der Nordsee und dem Ärmelkanal gewohnt waren. Die Wellen sind zwar auch enorm hoch (bis zu 3 Metern), aber unglaublich langgezogen. Es sind eher sanfte Hügel, die geschmeidig auf uns zurollen und die die KOBLD erst raufklettert, um sie kurz darauf wieder hinabzugleiten. 

Kurz hinter der ersten Landzunge besuchten uns wieder ein paar lächelnde Delfine -der sogenannte 'Gemeine Delfin'. Die Bezeichnung "gemein" wird den unbeschreiblichen schönen Wesen in keinster Weise gerecht. 

Weder traut man ihnen besonders hinterlistige Charakterzüge zu, noch Wirken diese Tiere in irgendeiner Weise 'ordinär' oder 'herkömmlich'. Vielzu vergnüglich hüpfen sie immer wieder aus dem Wasser und grinsen einen dabei mit ihrem Schalk in den Augen an. Ich kann gar nicht genug von diesen Tieren bekommen und sie scheinbar von uns oder wahrscheinlich eher von unserer KOBOLD auch nicht, da Sie uns noch ein paar Mal aufsuchten und ganz nah an uns herankamen.

Auch die Nacht war sehr ruhig, bei bestem Segelwind. Hinter der KOBOLD tauchten irgendwann in regelmäßigen Abständen Quallen auf, die wohl zu viel von dem phosphorisierten Plakton verschluckt hatten, da sie aussahen wie faustdicke fluoreszierende Blasen. Es sah aus, als hätte unsere KOBOLD Blähungen :-D. 

In der Schönheit der Nacht, weit weg von zu Hause, überfielen mich nostalgische Gefühle und ich dachte viel über all die Leute nach, die ich in meinem Leben getroffen habe und die mein Leben mit geprägt haben. Von der gemeinsamen Zeit in der Kreuzkirche, unseren damaligen Vorstellungen des Lebens, bis zu heute. Zu vielen Leuten von damals ist der Kontakt leider eingeschlafen. Umso schöner ist es, dass ich viele Freunde von damals auch noch heute meine Freunde nennen kann und dass man die gegenseitigen Entwicklungen miterleben durfte. Mich überkam ein gewisser Stolz, dass die meisten von uns ihre Ziele erreicht haben. Wir waren fertige Ärzte, Biologen, Immobilienmakler, Lehrer und Anwälte geworden. Langjährige Beziehungen haben gehalten und es wurde geheiratet und viele haben Kinder bekommen. Und obwohl sich soviel geändert hat, sind wir irgendwie immer noch die selben. Wir kennen uns in und auswendig und sind aus dem Leben des anderen nicht mehr wegzudenken. Und das Schöne ist, ich weiß, egal wie lange ich auch weg bin, Ihr wertet immer da sein und ich werde immer stolz auf Euch sein! 

Nachdem meine Nachtschicht vorüber war und ich mich in die Koje gekuschelt habe, wurde ich irgendwann von dem Geräusch der klatschenden Wellen geweckt während ich von einer Seite der Koje zur anderen Seite gerollt wurde. Der Wind hat ordentlich aufgefrischt und der Seegang nahm zu. Ich wagte mich am nächsten Morgen noch an Deck und versuchte mich nicht zu bewegen, damit mein Magen nicht so durchgeschüttelt wird. Ab dem Zeitpunkt, ging nichts mehr. Der Wind nahm stetig zu und die Übelkeit auch. Ich verkroch mich unter Deck, nachdem ich mich einmal erleichtert hatte und war froh, dass wir zu viert waren und Jo und Maxime uns unterstützten. Um der Übelkeit zu entkommen, schlief ich nahezu den Rest der Überfahrt. Die Jungs machten das Beste draus, selbst als Jens irgendwann auffiel, dass die Halterung der knapp 3.000,00 EUR teuren Hydrovane (Stromlose Selbststeueranlage, auch der fünfte Mann an Bord genannt) gebrochen war und das Gerät auf halbacht hing. Die Jungs steuerten die KOBOLD nun eigenhändig durch die haushohen Wellen, die von allen Seiten kamen und entwickelten eine abenteuerlustige Freude an der wilden See. Das war der Moment, in dem aus Leichtmatrosen Seemänner wurden.

Die Freude war groß, als wir Mittwochabend, einen Tag früher als geplant 'La Coruna' erreichten. Maxime der am nächsten Tag bereits einen Flieger nach London nehmen wollte und die neugewonnene Zeit zur Vorbereitung seines Termins zu nutzen, überredete uns noch am selben Abend, trotz Regens, Tapas essen zu gehen. Das waren trotz des etwas trostlosen Lokals mit Neonbeleuchtung, die besten Tapas seit langem! Wir hatten alle einen Bärenhunger und bestellten viel zu viel.

Am nächsten Morgen, überraschte Maxime uns zum Abschied mit regional typischen Teilchen, u.a. das Spritzgebäck namens 'Churros', dass mit Zucker bestreut wird und die Spanier gerne in eine dickflüssige Schokolade tunken. Kaffee geht aber auch ;)  Herrlich! Wir hatten die Biskaya also überlebt!